Jnana Yoga: The Necessity of Religion. Die Notwendigkeit von Religion.

IMG_1985The necessity of religion – this is the title of the first chapter in the book Jnana Yoga by Swami Vivekananda. The topic and ideas appear simple to me, however I have to read it several times again and again not to get the author wrong.

I am in Indonesia now, a multi-religious country with a Muslim majority. All groups have their rites, no matter whether Javanese or orthodox Muslim, Hindu or Christian. People of every religion here have treated us friendly and with respect. Of course there is a history and there may be tensions, but in contrast to the heated atmosphere in Europe nowadays it really seems idyllic here considering religious mixtures. I have some difficulties regarding the title of the first chapter though, if you consider the necessity of religions a normative statement. Historically religions have often played an ambiguous role.

Vivekananda at first elaborates on the origin and the importance of religions in a general sense. He states that most religions mean to exceed the limits of the perceived either in a sensual way that there must be natural forces that we cannot grasp with our senses, or in a temporal way that aspects of the afterlife are touched.

Usually a very few people have mystic experiences in which they gain some idea of the unspeakable Infinite, maybe like Jesus or Buddha. Then a new religion is founded and the ideas are translated into a simple and ethical language which are to be understood those who lack mystical experiences. This part of this chapter is quite understandable and it seems plausible. Maybe Vivekananda meant his title more in a descriptive way that it is just a natural development that religions do exist, not that they were mandatory for mankind.

However he claims absolute moral rules could only be derived from the Infinite. Utilitarian standards would be insufficient as they might only describe ethics but lack a purpose. I do not agree. If you set a standard which considers everyone equal and the purpose of being would be the maximization of happiness of all, why should someone then feel the urge only to serve himself and not others? I have experienced many people without religious affiliation that behaved way more moral than some religious hypocrites. Interestingly Vivekananda later writes he has seen many great spiritual men who did not believe in the concept of god at all.

Probably one way out of this dilemma is to substitute the word religion with spirituality in a broad sense. Organized religion too often has corrupted the teachings of their founders and has sometimes even become a mere accumulation of rites lacking the mystical spirit of its origins. I think Vivekananda just wants to contrast dumb materialism with an idealistic view, which considers spirit, immaterial pleasures and ethics more important than goods.

In this chapter it is already visible that Vivekananda identifies the same core in all spiritual traditions and wants them to be brothers instead of enemies. He sees great potential in religions, but wishes them to adapt and broaden their view. Vivekananda also includes the scientific, materialistic worldview. Both spirituality and sciences are necessary to reach the absolute, the Infinite. In this broad sense, yes, there might be a normative necessity for religion, or better spirituality, to achieve this goal. I like those final worlds.


Ich habe die englische Ausgabe des Buches Jnana Yoga von Swami Vivekananda vorliegen und kenne die Kapitelüberschriften der deutschen Fassung nicht, daher kann es sein, dass der Bezug auf manche Kapitel und Aussagen nur metaphorisch, aber nicht wörtlich zu verstehen ist. Der Inhalt des ersten Kapitels über die Notwendigkeit von Religion scheint mir recht greifbar zu sein, allerdings muss ich dann doch mehrmals lesen, um nicht Gefahr zu laufen, den Autor falsch zu verstehen.

Ich halte mich zurzeit in Indonesien auf – einem multireligiösen Staat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit. Alle Gruppierungen haben ihre Riten, ob Javanischer oder orthodoxer Muslim, Hindu oder Christ. Wir wurden von Menschen aller Religionen in der Regel freundlich und mit Respekt behandelt. Natürlich war historisch nicht immer alles in Ordnung und es gibt immer noch Spannungen, aber im Vergleich zur aufgeheizten Atmosphäre in Europa scheint mir das religiöse Zusammenleben recht idyllisch. Mit der Kapitelüberschrift habe ich Schwierigkeiten, wenn die Notwendigkeit von Religion wirklich als normative Aussage verstanden wird. Denn schließlich haben Religionen historisch durchaus eine ambivalente Rolle gespielt.

Vivekananda erörtert zunächst ganz allgemein den Ursprung und die Bedeutung von Religionen. Er führt aus, dass die meisten Religionen über die Grenzen des Wahrnehmbaren transzendieren wollen – entweder gibt es Naturkräfte, die mit unserer Sinneswahrnehmung nicht mehr zu erfassen sind oder die Grenze bezieht sich auf die zeitliche Dimension der menschlichen Existenz, d.h. es geht um Ahnenkult und das Leben nach dem Tod.

Einige wenige Menschen können diese Aspekte mittels mystischer Geisteszustände selbst erfahren, um eine Vorstellung des unbeschreiblichen Unbegrenzten zu bekommen, wie vielleicht Jesus oder Buddha. Aus den Erlebnissen heraus wird eine neue Religion gegründet und die zentralen Ideen werden in eine einfache und ethikorientierte Sprache für diejenigen übersetzt, denen die mystischen Erfahrungen nicht zugänglich sind. Dieser Abschnitt des Buches ist recht verständlich gehalten und erscheint nachvollziehbar. Möglicherweise hat Vivekananda seine Kapitelüberschrift über die Notwendigkeit der Religion im deskriptiven Sinn gemeint, also nicht dass sie für den Fortbestand der Menschheit unverzichtbar wäre, sondern dass ihre Entstehung eine unvermeidbare Entwicklung ist.

Er behauptet jedoch, dass absolute Moral nur aus dem Unbegrenzten abgeleitet werden könnte. Utilitaristische Regeln wären unzureichend, da sie zwar Normen beschreiben können, ein endgültiger Sinn oder Zweck jedoch nicht gegeben ist. Ich sehe das nicht so. Wenn ein Standard gesetzt wird, demzufolge alle gleichberechtigt sind und der Zweck des Daseins in der Maximierung von Zufriedenheit und Glück aller gesehen wird, warum sollte dann jemand daraus ableiten, dass er nur zum eigenen Wohle handeln sollte und nicht zum Wohle der anderen? Ich habe genügend nichtreligiöse Menschen erlebt, die sich deutlich anständiger verhalten haben als manche betont religiöse Scheinheilige. Interessanterweise schreibt Vivekananda später, dass er selbst großartige spirituelle Menschen erlebt hat, denen das Konzept Gott jedoch völlig fremd war.

Ein Weg aus diesem Dilemma könnte darin bestehen, den Begriff Religion durch Spiritualität in einem weiteren Verständnis zu ersetzen. Organisierte Religion hält sich oft gar nicht mehr ursprünglichen Lehren ihrer Gründer und manchmal wird sie lediglich zu einer Ansammlung ritualisierter Handlungen, die nichts mehr mit der mystischen Spiritualität ihrer Ursprünge gemein hat. Ich denke Vivekanand geht es jedoch vor allem darum, primitiven Materialismus eine idealistische Weltsicht entgegenzusetzen, in der das Geistige, immaterielle Freuden und Ethik eine größere Rolle spielen als materielle Güter.

An dieser Stelle ist bereits deutlich zu erkennen, dass für Vivekananda alle spirituellen Traditionen denselben Kern besetzen und er wünscht sich, dass sie sich eher als Verbündete anstatt als Feinde betrachten. Er erkennt ein großes Potenzial in den Religionen, wünscht sich aber mehr Anpassungsfähigkeit und einen weniger eingeengten Blickwinkel. Dabei bezieht er die wissenschaftliche, materialistische Weltanschauung mit ein. Sowohl Spiritualität als auch Wissenschaft sind notwendig, um zu das Absolute und Unbegrenzte zu erreichen. In diesem weiteren Verständnis mag eine normative Notwendigkeit für Religion, oder besser Spiritualität, gerechtfertigt sein. Diese abschließenden Worte seines Kapitels gefallen mir.

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