Jnana Yoga: Die wahre Natur des Menschen, Teil 1.

IMG_1985Das zweite Kapitel von Swami Vivekanandas Buch “Jnana Yoga” befasst sich mit der wahren Natur des Menschen. Hierbei werden bereits viele zentrale Aspekte des Advaita Vedanta angesprochen. Der Text ist recht tiefgründig, daher werde ich ein wenig mehr ins Detail gehen und das Kapitel in zwei separaten Artikeln beleuchten.

Angefangen mit Überlegungen über das Wesen der Wirklichkeit und das nicht enden wollende Streben nach Glückseligkeit analysiert Vivekananda einen interessanten Widerspruch zwischen einer von vielen Religionen angenommener Degeneration des Menschen vom perfekten Wesen zum makelbehafteten Sterblichen sowie der biologischen Evolution als Prozess konstanter Weiterentwicklung.

Im zweiten Teil des Buchkapitels wird das Leib-Seele-Probleme diskutiert. Was ist die Ursubstanz? Materie oder Geist? Seine Antwort ist eindeutig, natürlich die Seele, Atman in Sanskrit genannt. Vivekananda erläutert warum es nicht notwendig ist, um seine Individualität zu fürchten, wenn vom Konzept einer allumfassenden Seele ausgegangen wird. Weiterhin leitet er ethische Grundsätze wie Mitgefühl aus der Existenz des Atman ab. Diesen zweiten Teil seines Kapitels werde ich in einem späteren Artikel beleuchten.

Was ist echt? Was macht uns glücklich?

Vivekananda beginnt mit der Frage danach, ob uns unsere Sinne tatsächlich die Wirklichkeit vermitteln oder ob eine größere Realität hinter allem steckt. Damit einher geht die Frage, ob diese Wirklichkeit nach dem Tode verloren geht.

Ich denke, die Suche nach der Realität ist nicht ganz so einfach. Ist eine Illusion wirklich unwirklich? Alle Objekte in einem 3D-Rollenspiel auf einem Computer könnte man als Illusion bezeichnen, aber sind sie am Ende nicht da in dem Verständnis, dass da eben doch etwas ist, was von den Sinnesempfindungen wahrgenommen wird? Es ist doch tatsächlich etwas vorhanden, auch wenn es nur in Form eines Pixels da ist. Man kann nicht sagen, dass da nichts ist. In späteren Buchkapitel über die Maya geht Vivekananda noch intensiver darauf ein. Maya ist ein Sanskrit-Begriff, der oft vereinfachend, aber vielleicht irreführend mit Illusion übersetzt wird. Ich würde Maya eher als ständig wechselnde Wirklichkeit der materiellen Welt bezeichnen, die die absolute Wahrheit im spirituellen Sinne überdeckt.

Innerhalb dieser Frage nach Wirklichkeit stellt sich auch die nach dem Streben nach Glück. Der Mensch will nicht nur die Wahrheit, sondern auch Glück finden. Viele suchen ihr Glück in den Sinnesfreuden. Allerdings sind all das Glück und Elend, Wohlstand und Armut, vergänglich. Nichts davon dauert ewig an. Letztlich kann das endgültige Glück nicht mittels Streben nach Macht, Reichtum und Vergnügung erreicht werden. Alles hat ein Ende.

Interessanterweise finden sich viele von den angesprochenen Ideen auch in den Grundfesten des Buddhismus. Dort gibt es ebenso unterschiedliche Konzepte der Maya. Eine der zentralen Lehren des Buddhismus besagt, dass die Anhaftung an irdischen Dinge das Grundübel für Frustration und Leiden ist.

Degeneration oder Evolution

Laut Vivekananda gehen alle Religionen davon aus, dass der Mensch schon immer degeneriert – vom Zustand völliger Reinheit und Perfektion zur irdischen unvollkommenen Person. Ich wäre vorsichtig, dass so zu verallgemeinern. Er zitiert beispielhaft den Sündenfall der Bibel und den Mythos von Manu. Manu ist der erste Mensch in der indischen Mythologie und man erkennt die Parallelen zwischen dem Sanskritwort und dem deutschen Mann.

Der hinduistische Mythos von Manu ähnelt der biblischen Geschichte von Noah auffallend stark. Beide erzählen von einer Sintflut, die alle außer zwei Exemplaren jeder Art hinfort spült. Interessanterweise zeigt sich der Schöpfer des Universums zunächst in der Form eines kleinen Fisches – auf Englisch minnow genannt, genau wie der Name der Designvorlage für mein Blog.

Die biologische Evolution auf der anderen Seite proklamiert konstanten Fortschritt anstelle von kontinuierlicher Degeneration. Vivekananda versucht beide Konzeptionen zu vereinigen, indem er darauf verweist, dass in der hinduistischen Mythologie häufig die Rede von Zyklen mit großen Auf- und Abbewegungen ist. Er stellt fest, dass jeder Evolution eine Involution vorausgeht. Ein kleines Samenkorn wächst zu einem Baum heran, aber alles, aus dem der Baum besteht, war schon im Samen angelegt. Keine Eigenschaft des Baums war nicht schon als Information in der DNA des Samens vorhanden.

Mir gefällt, wie VIvekananda auch die Naturwissenschaften in seine Überlegungen einbezieht. Und dabei muss man ihm zusätzlich noch zugute halten, dass diejenige Rede, die Grundlage für das betreffende Buchkapitel ist, über 120 Jahre alt ist. Manche Biologen haben sicher eine strengere Sichtweise, aber Vivekananda spricht über Energie im weiteren Sinn, die schon immer vorhanden gewesen sein muss, um eine komplexe Lebensform aus einer einfacheren heraus zu entwickeln. Mir fällt dabei der erste Hauptsatz der Thermodynamik über die Energieerhaltung ein. Energie kann in geschlossenen Systemen nicht verloren gehen.

Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass die Entropie und damit der Grad der Unordnung im Zeitablauf zunimmt, stützt wiederum die religiösen Vorstellungen der Degeneration des Menschen. Es fällt auf, dass Physik und Religion in ihren Aussagen ähnlich sind, während es die Biologie ist, die hier nicht ins Bild passt. Laut vielen Naturwissenschaftlern widerspricht die Evolution jedoch nicht der Thermodynamik, da sie nicht den strengen Bedingungen geschlossener Systeme genügt, die für den zweiten Hauptsatz maßgeblich sind.

Und die Lösung?

Im zweiten Teil des Buchkapitels diskutiert Vivekananda eine interessante Metapher bezüglich der Diskrepanz zwischen der religiösen und der biologischen Sichtweise. Und er versucht die Natur des Selbst logisch herzuleiten ebenso wie er erläutert, wo wahrhaftiges Glück zu finden ist und warum man sich anderen gegenüber ethisch verhalten sollte.

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