Jnana Yoga: Die wahre Natur des Menschen, Teil 2.

Im ersten Teil dieses Artikels wurde Swami Vivekanandas Verständnis der Wahrnehmung von Realität beleuchtet, weiterhin das Streben nach Glück und der Widerspruch zwischen Evolution und der von den Religionen angenommenen Degeneration des Menschen. In diesem Text sollen seine Ausführungen zum Leib-Seele-Probleme, dem Konzept der Seele im Vedanta und deren Implikationen für Individualität und Moral erörtert werden.

Entsteht Materie aus Bewusstsein oder andersherum?

IMG_1985Zwei gegensätzliche philosophische Standpunkte drehen sich um die Frage, was der fundamentale Baustein unserer Existenz ist. Materialismus geht davon aus, dass alles aus physischen Partikeln besteht. Verstand und auch Bewusstsein sind sekundäre Phänomene, die aus der Materie heraus entstehen. Bis heute ist jedoch selbst unter den Befürwortern dieser Ideen unklar, wie komplex ein Organismus sein muss und welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass leblose Materie plötzlich einen bewussten Geist erzeugt. Die entgegen gesetzte Position ist der Idealismus, der besagt, dass Verstand oder Bewusstsein oder etwas zumindest Immaterielles der Grundbaustein des Seins ist.

Im gegenwärtigen 21. Jahrhundert ist es nicht mehr so einfach wie zu Vivekanandas Zeiten anzunehmen, dass alle Naturwissenschaftler Materialisten wären und alle Religionen idealistische Ansätze bevorzugen würden. Tatsächlich gab es bereits im alten Indien philosophische Schulen und Religionen, die strikt materialistisch waren, beispielsweise die Charvakas. Auf der anderen Seite wurden von modernen Physikern auch verdächtig idealistische Standpunkte bezüglich ihres Wissensgebietes geäußert, beispielsweise von Max Planck oder Werner Heisenberg. Ich kann mich an eine TV-Dokumentation erinnern, in der Heisenberg den Ansatz des unzerlegbaren Atoms von Demokrit mit der Idee von Platon verglich, dass Geometrie die grundlegende Qualität des Universums wäre. Als jungem Forscher erschienen Platons Idee Heisenberg absurd, aber später hat er durchaus zu verstehen gegeben, dass das Universum auf der mikroskopisch kleinen Ebene tatsächlich eher Platons Geometrie ähnelt.

Aus der modernen Physik wissen wir: Wenn man Materie um ein Zigfaches vergrößert, ist gar kein Ding an sich mehr zu erkennen, sondern es handelt sich vielmehr um ein Feld fundamentaler Kräfte, die bestimmten Gesetzen gehorchen und den Eindruck unserer dreidimensionalen Welt erzeugen. Quantenmechanik und auch gegenwärtig diskutierte Stringtheorien wirken auf mich eher wie ein Regelwerk, rohe Information, die Materie beziehungsweise Energie auf makroskopischer Ebene erzeugt. Vielleicht sind Materialisten und Idealisten in ihren Standpunkten gar nicht mehr so weit voneinander entfernt und wissen es nicht einmal.

Vivekanandas plädiert für das einfachere Modell analog zu Ockham Rasiermesser, welches wiederum als wissenschaftstheoretisches Prinzip dafür steht, denjenigen Ansatz zu bevorzugen, der bei gleichwertiger Plausibilität mit weniger Annahmen auskommt. Vivekananda fragt, wenn Materie Bewusstsein erzeugt, welche Kraft erzeugt die Struktur der Materie? Es müssten daher wenigstens drei grundlegende Qualitäten existieren: Bewusstsein, Materie und eben diejenige Kraft, die die Gesetzmäßigkeiten und Struktur der Materie festlegt. Beim idealistischen Modell werden nur zwei Qualitäten benötigt: der Geist oder das Immaterielle, welches den Körper erzeugt, ist prinzipiell dasselbe wie das menschliche Bewusstsein. Man benötigt also weniger Qualitäten. Natürlich ist diese Sicht nicht unumstritten – wenn sie es wäre, würden wir gar nicht darüber diskutieren. Aber zumindest liefert Vivekananda ein Argument und das ist nicht das schlechteste.

Atman – die Seele

Was ist also dieses immaterielle Ding, welches das Universum erzeugt und sich entsprechend Advaita Vedanta durch den menschlichen Körper manifestiert? Es ist die Seele – Atman in Sanskrit, verwandt mit dem deutschen Atem. Vivekananda liefert eine kurze Beschreibung des Atman und seiner Eigenschaften laut alter vedischer Schriften. Atman hat weder Form noch Gestalt, er muss daher omnipräsent sein, da Form oder Gestalt eine Begrenzung benötigen würden – irgendwo müsste da Beschriebene ja ansonsten anfangen und aufhören. Zeit, Raum und Kausalität sind im Verstand angesiedelt – der Atman geht über den Geist hinaus und daher auch über Zeit, Raum sowie Ursache und Wirkung. Was über diese Eigenschaften des Universums hinausgeht, muss unbegrenzt sein.

Der Unterschied zwischen Geist beziehungsweise Verstand einerseits und der Seele andererseits ist in dieser Philosophie sehr wichtig. Die Seele ist unbegrenzt, der Verstand oder Geist ist etwas immateriell Begrenztes, das der Seele entspringt und Träger unserer Gedanken ist. Unser Körper ist dasjenige, das sich wiederum auf der materiellen Ebene aus dem Atman heraus manifestiert.

Man ist verleitet anzunehmen, dass nach dieser Philosophie jeder eine Seele mit einem Verstand und einem Körper besitzt. Vivekananda konfrontiert den Leser jedoch mit einer herausfordernden Idee: Wenn der Atman unbegrenzt ist, kann es nicht zwei davon geben. Wenn alles im Kopf vom Verstand gedacht und wahrgenommen wird, welcher ein Produkt der unbegrenzten und omnipräsenten Seele ist – wo ist dann noch Platz für eine zweite Seele? Das Unbegrenzte ist unteilbar. Daher folgert Vivekananda, dass der Wahre Mensch eins und unbegrenzt ist – der omnipräsente Atman. Daher sind die Vorstellungen von verschiedenen Seelen und Verstandseinheiten im scheinbaren Menschen nur eine Illusion.

Jeder Teil unseres Verstandes verändert sich ständig. Die Gedanken, die von uns gedacht werden, verändern sich. Unser Verstand und Körper sind nicht beständig, aber der Atman ist es, da dass Unbegrenzte sich nicht ändern kann. Vivekananda ruft dazu auf, sich über sein unbegrenztes Selbst klar zu werden und nicht an die falsche Idee zu glauben, dass wir begrenzt wären.

Individualität?

Das Konzept einer universellen Seele schreckt den ein oder anderen ab aus Angst, seine Individualität zu verlieren. Aber gibt es diese Individualität überhaupt – ein konstante Kombination aus Körper, Geist und Persönlichkeit? All diese Dinge sind im stetigen Wandel begriffen. Nach sieben Jahren sind alle Moleküle des menschlichen Körpers durch andere ersetzt. Der Verstand, die sogenannte Persönlichkeit, wird ständig durch Emotionen und Ereignisse beeinflusst. Der Geist einer Person ist sicher nicht derselbe wie einige Jahre zuvor. Das einzige, was bestehen bleibt, ist derjenige, der beobachtet. Oder wie Vivekananda ihn nennt: „Das ewige Subjekt von allem, der ewige Zeuge des Universums.“ Das Subjekt bleibt gleich, die Objekte, zu denen auch Körper und Geist gehören, verändern sich andauernd.

Nochmal Evolution vs. Degeneration

Die Diskrepanz zwischen der Degeneration des Menschen und der biologischen Evolution, über die sich Vivekananda im ersten Teil des Buchkapitels auslässt, kann mittels folgender Metapher aufgelöst werden: Der scheinbare Mensch ist nur eine schwache – degenerierte – Reflexion des Wahren Menschen; der scheinbare Mensch ist gebunden und begrenzt, zumindest glaubt er das. Nehmen wir an, der Wahre Mensch befindet sich hinter einer Wand und es gibt nur ein kleines Loch. Was durch das Loch zu sehen ist, ist der scheinbare Mensch. Evolution vergrößert das Loch. Mehr und mehr ist zu erkennen. Man glaubt, das was man sieht, entwickelt sich immer weiter und wird immer komplexer. Es war jedoch schon immer dort, vollkommen und unbegrenzt. Nur die scheinbare Manifestation nimmt zu.

Sei gut zu anderen

Welcher bedeutendste moralische Schluss lässt sich aus dem Konzept des Atman ziehen? Es ist die Ablehnung von Egoismus. Wenn man selbst das Universum ist und das Universum eins ist, dann gibt es einen natürlichen Grund Gutes zu tun. Wer nur seinem Körper Gutes tut, indem er andere schädigt, beschädigt sein wahres Selbst. Es gibt also einen guten Grund für echten Altruismus. Es geht um mehr als nur anständig zu handeln in der Hoffnung, dass der andere das Verhalten erwidert. Nein – man würde seinem wahren Selbst schaden. Wer das Konzept des Atman ernst nimmt, muss sich anderen gegenüber gut verhalten – nicht weil irgendjemand einem sowas einreden will oder moralische Standpauken hält. Nein, man tut es, weil es einem logischen Schluss entspringt.

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