Wie Reisen deine Persönlichkeit verändert. Und meine auch.

Alle die schon einmal längere Zeit im Ausland gelebt haben, stellen nach ihrer Rückkehr Unterschiede fest. Menschen, Gegenstände und Orte in der Heimat – einst so vertraut, doch jetzt fühlt sich alles seltsam an. Doch die Dinge selbst haben sich nicht verändert. Man selbst und die eigenen Wahrnehmungen sind es, die nun anders sind. Selbst Familienmitglieder und Freunde stellen häufig einen Unterschied an dir fest – in deiner Persönlichkeit. Und diese Veränderung lässt sich messen.

Psychologen haben untersucht, wie sich die Persönlichkeit von Studenten verändert, die ein Semester oder länger im Ausland verbracht haben.  (Zimmermann, J. & Neyer, F. J. (2013). Do we become a different person when hitting the road? Personality development of sojourners. Journal of Personality and Social Psychology, 105, 515-530). Auch wenn Studenten im Auslandssemester nicht genau dasselbe sind wie Langzeitreisende, so sind sie sich doch in gewisser Weise ähnlich. Beide Gruppen verbringen eine erhebliche Zeit ihres Lebens weit weg von der Heimat und müssen in der Fremde zurecht kommen und dort ihren Alltag bestreiten.

Das Big-Five-Modell

Reisende denken bei “Big Five” vielleicht zunächst an die fünf Großtiere, die man auf einer Safari sehen möchte, aber tatsächlich ist das Fünf-Faktoren-Modell der Goldstandard der modernen Persönlichkeitspsychologie. Es besteht aus fünf grundlegenden Persönlichkeitszügen, deren Ausprägungen im Vergleich zur übrigen Bevölkerung gemessen werden. Dies sind Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Die Persönlichkeitsdimensionen sind im Allgemeinen recht stabil, allerdings kommt es im Laufe des Lebens zu kleineren Veränderungen, insbesondere während der Transition von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter. Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen misst die Studie von Zimmermann und Neyer nicht nur die Big-Five-Persönlichkeitszüge der Auslandsstudenten vor und nach ihrem Auslandsaufenthalt, sondern vergleicht diese mit der Kontrollgruppe derjenigen Studenten, die im Heimatland bleiben.

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Was genau sagen diese fünf Persönlichkeitsdimensionen über uns aus und wie werden sie durch das Reisen beeinflusst?

Offenheit

Individuen mit einer hohen Ausprägung von Offenheit sind neugierig, kreativ und aufgeschlossen. Sie probieren gerne neue Dinge und Ideen aus. Die Studienergebnisse zeigen einen signifikanten Anstieg an Offenheit bei Auslandsstudenten. Eine Reise in fremde Länder erweitert unsere Perspektive und lässt uns weniger voreingenommen durch die Welt gehen. Das ist nicht wirklich überraschend. Wer mit fremden Kulturen konfrontiert ist und viele neue Leute kennen lernt, entwickelt ein komplexeres Verständnis seiner Umwelt und der Gesellschaft. Zudem ist Offenheit entsprechend der Studie ein guter Indikator für die Bereitschaft, während des Studiums ins Ausland zu gehen. Auch das ist plausibel. Je offener eine Person ist, desto eher wird sie an anderen Kulturen interessiert sein und einen längeren Auslandsaufenthalt in Erwägung ziehen. Bei kürzeren Auslandsaufenthalten konnte jedoch kein signifikanter Effekt festgestellt werden.

Aus meiner persönlichen Sicht kann ich diese Ergebnisse absolut bestätigen. Ich war immer recht neugierig auf die Welt und wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich während meines Studiums sicherlich nicht ein Jahr in Indien verbracht. Und meine bisherigen Gewissheiten und Überzeugungen sind ständig aufs Neue auf die Probe gestellt worden. Jede Reise ist eine Chance, neue Dinge zu sehen und zu lernen. Das finde ich fantastisch.

Gewissenhaftigkeit

Gewissenhaftigkeit beschreibt das Ausmaß der eigenen Selbstdisziplin. Personen, die in dieser Dimension überdurchschnittliche Ausprägungen erzielen, sind sehr zuverlässig und weisen ein geplantes und organisiertes Verhalten auf. Sie sind zielorientiert, aber nicht sehr spontan oder flexibel. Es konnten keine Unterschiede in Bezug auf Gewissenhaftigkeit zwischen den Auslandsstudenten und der Kontrollgruppe festgestellt werden.

Einerseits sind längere Auslandsreisen eine gute Übung für das eigene Planungs- und Organisationsgeschick, insbesondere wenn man mit einem fremden Umfeld konfrontiert ist. Auf der anderen Seite habe ich an mir selbst feststellen können, dass ich auf Reisen immer etwas spontaner und weniger strikt  als sonst bin. Das geht einher mit einer gewissen Abenteuerlust und dem Wunsch nach Entspannung. Die Effekte sind nicht sonderlich stabil, da ich wieder in meine alten Verhaltensmuster zurückfalle, nachdem ich wieder zurückgekehrt bin.

Interessanterweise konnte durch die Studie ermittelt werden, dass Gewissenhaftigkeit ein guter Indikator für die Bereitschaft für kurze Auslandsaufenthalte (ein Semester oder weniger) ist. Während Langzeit-Auslandsstudenten neue Kulturen um ihrer Selbst gründlich erleben und erkunden möchten, sind kürzere Aufenthalte womöglich eher durch Karrieregründe motiviert, da sich ein Auslandsaufenthalt gut im Lebenslauf macht.

Extraversion

Extrovertierte Individuen beziehen üblicherweise ihre Energie aus der Interaktion mit anderen Menschen. Sie werden durch soziale Kontakte stimuliert und sind oft aufgeweckt und gesprächig. Allerdings können sie auch als oberflächlich, aufmerksamkeitssuchend und dominant empfunden werden. Ihr Gegenstück sind Introvertierte, die ruhiger und reservierter sind. Aus der Studie geht kein Effekt von Auslandsaufenthalten auf die Ausprägung der Extraversion hervor. Ein Auslandssemester verwandelt niemanden in einen Partylöwen. Genau wie Offenheit und Gewissenhaftigkeit ist jedoch auch Extraversion ein guter Indikator für die Bereitschaft für Auslandsaufenthalte. Im Gegensatz zu den anderen beiden Dimensionen gilt das sowohl für kurze als auch für längere Auslandsaufenthalte. Dass jemand fremde Menschen in einem ungewohnten Umfeld kennen lernen möchte, ist  deutlich plausibler, wenn man extrovertiert ist.

Ich sehe mich selbst eher als introvertierte Person an. Das hat mich aber nicht von meinen Auslandsreisen abgehalten. Allerdings muss ich zugeben, dass es manchmal schon leichter gewesen wäre, wenn ich extrovertierter wäre. Reisen ist jedoch ein gutes Training für Introvertierte – manchmal müssen wir einfach aus unserem Schneckenhaus raus und auf andere Menschen zugehen, ansonsten geht es nicht weiter. Ich habe schon das Gefühl, dass ich während des Reisens extrovertierter als sonst bin, aber der Zustand ist nicht von Dauer und ich ziehe mich wieder in meine Höhle zurück, sobald ich zu Hause bin.

Verträglichkeit

Personen mit einem hohen Maß an Verträglichkeit werden als freundlich, mitfühlend, hilfsbereit und kooperativ wahrgenommen. Sie wirken oft bescheiden und zeigen Verständnis für andere. Verträgliche Personen sind weniger dominant und durchsetzungsfähig. Es lässt sich aus der Studie eine signifikante Erhöhung der Verträglichkeit durch Auslandsaufenthalte feststellen. Das nicht nur für den Betroffenen gut, sondern auch für seine Mitmenschen. Reisen macht einen zu einer umgänglicheren Person. Das ist nicht überraschend, denn im Ausland ist man häufiger auf andere angewiesen und muss mit ihnen zurecht kommen.

Ich hoffe und glaube, mich durch das Reisen zu einer freundlicheren und verträglicheren Person entwickelt zu haben. Man nimmt Dinge aus einer anderen Perspektive wahr und entwickelt ein breiteres Verständnis für die Menschen und wie die Welt funktioniert. Einfach mal raus in die Welt gehen und erkennen, dass die Dinge nicht immer so ablaufen müssen, wie man es gewohnt ist, sondern auch ganz anders angegangen werden können und es trotzdem irgendwie funktioniert. In vielen Kulturen sind zudem das Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Solidarität stärker ausgeprägt als in manchen westlichen Gesellschaften.

Neurotizismus

Neurotizismus bezieht sich auf den Grad emotionaler Stabilität. Individuen, deren Neurotizismus-Dimension stärker ausgeprägt ist, reagieren intensiver auf Stress und äußere Ereignisse. Sie haben größere Schwierigkeiten mit Wutgefühlen, Ängsten und Depressionen. Auslandsaufenthalte reduzieren entsprechend der Studie die Ausprägung von Neurotizismus deutlich. Dieser Effekt ist hochsignifikant. Der rote Pfeil zeigt in der Grafik zwar eine Verringerung an, aber im Fall von Neurotizismus ist das eine gute Sache. Weniger neurotisch heißt emotional stabiler. Eine verbesserte emotionale Stabilität ist für den Reisenden wahrscheinlich eine der wertvollsten Auswirkungen von Auslandsaufenthalten.

Ich muss gestehen, dass es im Ausland für mich nicht immer einfach war. Manche Ereignisse haben meine emotionale Stabilität auf eine harte Probe gestellt – ob das nun der Versuch war, mich in Tahiti auszurauben oder als meine Frontzahnbrücke in Fiji auseinander gefallen ist. Auf der anderen Seite trägt jede Erfahrung auch zu einem Lern- und Bewältigungsprozess bei, aus dem man am Ende gestärkt hervor geht. Wahrscheinlich ist es diese Kombination aus Herausforderung und Bewältigung, die sich langfristig positiv auf die emotionale Stabilität auswirkt.

Fazit

Reisen ist nicht nur ein Abenteuer und macht viel Spaß, sondern formt auch die Persönlichkeit auf eine vorteilhafte Weise. Menschen, die längere Zeit im Ausland verbringen, werden offener, verträglicher und weniger neurotisch. Es fällt nicht schwer zu erkennen, dass eine Auszeit im Ausland dazu beiträgt, die eigene Persönlichkeit und emotionale Stabilität zu stärken, gerade wenn man in einem unangenehmen Alltagstrott feststeckt.

Welche Veränderungen deiner Persönlichkeit hast du an dir feststellen können? Hinterlasse einen Kommentar, wenn du magst.

 

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